Voluntourismus


Was genau bedeutet eigentlich „Voluntourismus“? Und ist ein Freiwilligendienst etwas Anderes? Warum steht diese Reiseform mittlerweile so häufig in der Kritik, und: ist diese berechtigt? Wir von Freiwilligenarbeit definieren den Begriff „Voluntourismus“, beleuchten seine Facetten und beziehen Position rund um die Freiwilligenarbeit im Ausland.

Autor: Christian Rhode

Voluntourismus – eine Definition

Der Begriff „Voluntourismus“ setzt sich aus den Wörtern „Volunteering“ und „Tourismus“ zusammen – er steht also für eine bestimmte Form des Tourismus, bei der es um ein freiwilliges Engagement geht, das im Rahmen einer Reise stattfindet. Für Wikipedia ist in diesem Zusammenhang entscheidend, dass der „Voluntourist“ bei seiner „Voluntour“ zusätzlich zur Freiwilligenarbeit touristische Angebote in Anspruch nimmt. Dort wird aber im Sinne der Abgrenzung zu anderen Reiseformen auch gesagt, „Voluntourismus [sei] nicht zu verwechseln mit dem reinen Volunteering bzw. der Freiwilligenarbeit, die organisierter, dauerhafter Natur sind und weniger touristischen Charakter aufweisen.“ Gleichzeitig nutzen Medien den Begriff in zahlreichen (und meist kritischen) Artikeln verallgemeinernd für alle Formen der Freiwilligenarbeit im Ausland.

Wertfrei und differenziert, bitte!

Weil die Angebote für Freiwilligenarbeit im Ausland aber so vielfältig und in Sachen Organisiertheit, Dauer und touristischem Charakter jeweils ganz unterschiedlich ausgeprägt sind, halten wir von Freiwilligenarbeit.de sowohl die Voluntourismus-Definition von Wikipedia, als auch die undifferenzierte Nutzung des Begriffes seitens vieler Medien für unzureichend bzw. problematisch. Denn wie viel touristischer Charakter ist erlaubt, wie lange muss man sich engagieren und was genau heißt „organisiert“?

Wir ziehen es vor, den Begriff „Voluntourismus“ wertfrei als allgemeingültige Bezeichnung für alle Formen der Freiwilligenarbeit im Ausland zu verwenden (also für die Kombination aus freiwilligem Engagement und Reise), oder noch besser gar nicht und dafür lieber allgemein von „Freiwilligenarbeit“ zu sprechen. Dabei ist es aber sehr wichtig, alle Angebote aus diesem Bereich sehr differenziert zu betrachten.

Was ist Voluntourismus, und was nicht?

2 Tage oder 4 Monate

Die Wikipedia-Definition stellt die Inanspruchnahme eines touristischen Angebots als ein entscheidendes Merkmal zur Abgrenzung des Voluntourismus zum „reinen“ Volunteering heraus. In diesem Sinne wäre es aber völlig egal, ob ich eine so genannte Volunteering-Rundreise mache, bei der ich für zwei Tage in einem Projekt mitarbeite und ansonsten nur touristische Elemente habe, oder ob ich für vier Monate als Volunteer engagiert bin, und beim Anbieter in dieser Zeit einen Wochenend-Ausflug hinzugebucht habe.

Wirklich vergleichbar?

Eine genauere Betrachtung der oben genannten Beispiele im Sinne der von Wikipedia vorgeschlagenen Abgrenzung zeigt, dass im ersten Fall der touristische Aspekt ganz klar im Vordergrund steht, und die Einsatzdauer ist sehr niedrig. Im zweiten Beispiel liegt ein längerfristiger Einsatz vor, bei dem dann aber vor Ort während des Auslandsaufenthalts in der Freizeit ein organisierter Ausflug stattfindet. Nach Wikipedia-Definition beides Voluntourismus – aber wirklich vergleichbar?

Gut organisiert ist entscheidend

Im Kontext müsste man sich natürlich beide Angebote hinsichtlich des Grades an Organisiertheit anschauen, denn man kann auch vier Monate in einem Projekt arbeiten, das kein nachhaltiges Ziel verfolgt oder in dem die Volunteers nicht effektiv eingesetzt werden. Gleichzeitig ist es nicht auszuschließen, dass man auch in zwei Tagen einen guten Einblick in ein Projekt bekommen kann, sich dort in der kurzen Zeit sinnvoll engagiert und die Inspiration für ein längerfristiges Engagement bekommt.

Beispielhafte Volunteer-Projekte

Freiwilligenarbeit im Ausland muss Sinn machen

Egal ob es Voluntourismus, „echte“ Freiwilligenarbeit, Freiwilligendienst oder Volunteering genannt wird – für uns von Freiwilligenarbeit.de ist am Ende entscheidend, dass es sich um eine sinnvolle Freiwilligenarbeit handelt, von der alle Beteiligten profitieren.

Gut organisierte Projekte

In diesem Sinne muss zunächst das Projekt, in dem der Volunteer zum Einsatz kommt, gut organisiert sein und das Ziel haben, die Situation vor Ort langfristig zu verbessern, im Sinne der lokalen Bevölkerung. Letztere muss in einem möglichst hohen Maß in das Projekt involviert werden.

Gut vorbereitete Freiwillige

Darüber hinaus müssen die Freiwilligen so in das Projekt integriert werden, dass sie es möglichst effektiv unterstützen können. Gleichzeitig ist eine umfassende Vorbereitung und Betreuung der Volunteers wichtig – nur so können sie auch persönlich in einem Möglichst hohen Maß von ihrem Auslandsaufenthalt profitieren, nur so findet vor Ort ein kultureller Austausch auf Augenhöhe statt.

Weitere Infos zum Thema:
>> Was du als Volunteer beachten solltest

Längerfristige Aufenthalte

Auch wenn kurze Einsätze sinnvoll sein können, empfehlen wir generell längerfristige Aufenthalte. Hier ist es schwierig eine konkrete Zahl zu nennen, weil eine sinnvolle Mindestaufenthaltsdauer vom jeweiligen Einsatzbereich und dem einzelnen Projekt abhängig ist. Generell sollte man lieber in Monaten als in Wochen planen, vor allem wenn in die Projektarbeit Kinder involviert sind.

Voluntourismus-Anbieter

Wer bietet eigentlich Voluntourismus bzw. Freiwilligenarbeit im Ausland an?

Geregelte Freiwilligendienste

Zum einen sind das so genannte Entsendeorganisationen (Vereine, Stiftungen, NGOs etc.), die über Fördermittel (z.B. des staatlichen Programms „Weltwärts“) die Projekteinsätze der Freiwilligen finanzieren. Damit die Fördermittel bewilligt werden (und für die Volunteers wenige bis keine Kosten entstehen), müssen bei den entsprechenden Programmen gesetzliche Regelungen eingehalten werden. Diese beziehen sich z.B. auf eine intensive Vorbereitung und Betreuung der Volunteers, eine Mindestaufenthaltsdauer (meist ein Jahr, zumindest aber sechs Monate) oder auch Verhaltensregeln vor Ort. Die Plätze in diesen Programmen sind kontingentiert und entsprechend begehrt.

>> Gesetzlich geregelte Freiwilligendienste

Flexible Freiwilligenarbeit

Für alle, die keinen gesetzlich geregelten Freiwilligendienst leisten können oder wollen, gibt es eine Reihe von gewerblichen Anbietern unterschiedlicher Größe: Manche haben sich auf ein Land oder eine Region spezialisiert, andere wiederum sind Spezialreiseveranstalter für Jugendreisen und bieten neben Voluntourismus auch Work and Travel, Auslandspraktika und ähnliche Reiseformen an. Diese Anbieter arbeiten durchaus unterschiedlich (die kleineren oft direkt mit den Projekten und eigenen Mitarbeitern vor Ort, die größeren eher mit so genannten Incoming-Agenturen), ihre Angebote sind aber durchaus sehr ähnlich: Gegen eine Teilnahmegebühr (die für alle entstehenden Kosten plus Gewinn für den Anbieter verwendet wird) organisieren sie den gesamten Volunteering-Auslandsaufenthalt, inklusive Unterkunft und Verpflegung vor Ort (meist gibt es auch optionale Zusatzangebote für Kurse und Touren vor Ort, der Flug ist meist nicht mit in der Programmgebühr enthalten).

>> Flexible Freiwilligenarbeit

Kritik am Voluntourismus

Vor allem an der flexiblen Freiwilligenarbeit

Die Tatsache, dass Freiwilligenarbeit Geld kostet und Anbieter mit dem Organisieren von Freiwilligenarbeit-Programmen Geld verdienen, ist ein wesentlicher Teil der kritischen Berichterstattung zum Voluntourismus. Tatsächlich konzentrieren sich die entsprechenden Artikel auf die Anbieter flexibler Freiwilligenarbeit, wobei die gesetzlich geregelten Freiwilligendienste fast immer absolut unkritisch gesehen werden bzw. als Positiv-Beispiele genannt werden.

„Schwarze Schafe“ gibt es überall

…auch im Voluntourismus.

Natürlich ist immer dann, wenn irgendwo ein Markt entsteht und Geld verdient werden kann, die Wahrscheinlichkeit hoch, dass jemand dies in einem negativen Sinne ausnutzt und schlechte Qualität anbietet. Das ist im Bereich des Voluntourismus nicht anders, und so kommt es zu Fällen von mangelhafter Vorbereitung, fehlender Betreuung vor Ort und schlechter Durchführung von Volunteering-Programmen. Oder wenig sinnvollen Projekten, die die Situation vor Ort nicht verbessern.

Extreme Fälle

In Afrika und Asien gab (und gibt es wohl leider immer noch) Fälle, bei denen Waisenkinder betreut werden, die keine Waisen sind, aber aus ihren Familien herausgenommen wurden, weil sie im Waisenhaus angeblich ein besseres Leben haben würden – aber es geht eher um die zahlenden Volunteers, die sich natürlich gern um Waisenkinder kümmern. Für die Kinder ist das nur ein vermeintlich besseres Leben, aus einer rein materiellen Sichtweise, doch sie sind von ihrer Familie getrennt und müssen sich emotional auf ständig wechselnde Volunteers einstellen.

Im Bereich Tierschutz gibt es das Problem der so genannten „Blutlöwen“: Die Tiere werden von Volunteers aufgezogen im Glauben, dass sie ausgewildert werden, doch dann werden die Löwen anschließend für Jäger in eingezäunten Bereichen zum Abschuss freigegeben.

Weitere Informationen:

>> Freiwilligenarbeit mit Kindern

>> Freiwilligenarbeit mit Tieren

Es muss was getan werden

Dies sind extreme Beispiele, und es muss alles getan werden, damit es solche Fälle schon bald nicht mehr gibt. Auch die kleinen Probleme/Missstände bei vielen Angeboten der flexiblen Freiwilligenarbeit (geringe Aufenthaltsdauern, zu wenig Vorbereitung etc.) müssen angegangen werden. Verschiedene Organisationen arbeiten bereits an Qualitätskriterien bzw. Mindeststandards, die den Markt regulieren, Missbrauch ausschließen und die Qualität im Voluntourismus heben sollen, und auch wir von Freiwilligenarbeit.de sind an entsprechenden Gesprächen beteiligt.

Auch darf man gesetzlich geregelte Freiwilligendienste nicht grundsätzlich unkritisch sehen: Ja, hier gibt es gesetzliche Regelungen, eine ausführliche Vorbereitung und Betreuung etc. – aber es sind die Einzelfälle, die man betrachten muss, und auch bei den gesetzlich geregelten Freiwilligendiensten hört man immer wieder mal von Projekten, die nicht gut organisiert oder wenig sinnvoll sind, oder von Freiwilligen, die nicht richtig betreut werden. Auch hier macht es Sinn, weiterhin genau hinzusehen.

Viele gute Angebote

Die mediale Berichterstattung legt oft nahe, dass Freiwilligenarbeit, die Geld kostet, grundsätzlich schlecht ist. Das aber ist grundsätzlich falsch, und gegenüber allen Anbietern, die sehr sinnvolle Volunteering-Programme anbieten, großen Wert auf eine hohe Qualität legen und denen das Wohlbefinden der Menschen in den Zielländern bzw. Projekten sehr am Herzen liegt, eine unhaltbare Aussage.

Fazit

Freiwilligenarbeit im Ausland ist eine aus unserer Sicht sehr sinnvolle und fördernswerte Reiseform, egal ob Voluntourismus, Volunteering oder Freiwilligendienst genannt. Voraussetzung ist, dass vor Ort durch die Projektarbeit die Situation langfristig verbessert wird und ein kultureller Austausch zustande kommt. Alle Beteiligten müssen profitieren!

Die noch vorhandenen Probleme und Missstände, vor allem im Bereich der flexiblen Freiwilligenarbeit, müssen beseitigt und die Qualität der Programme muss noch gesteigert werden.

Schon jetzt gibt es viele gute Anbieter und Angebote, auch im Bereich der flexiblen Freiwilligenarbeit. Diese Angebote fördern wir auf unserer Plattform.

Tipps von Freiwilligenarbeit.de:

>> Woran du einen guten Anbieter erkennst

Weitere Infos, Interviews & Beiträge zum Voluntourismus

Derzeit wird das Thema Voluntourismus vermehrt von den Medien aufgegriffen und durchaus auch sehr kritisch reflektiert. Wir von Freiwilligenarbeit.de bzw. der INITIATIVE auslandszeit bekommen sehr viele Anfragen, uns hierzu zu äußern - was wir auch gerne machen. Wer Interesse hat, sich von der aktuellen Berichtslage selbst ein Bild zu machen, dem empfehlen wir folgende weiterführende Informationsquellen zum Voluntourismus bzw. "Freiwilligenurlaub":

Beiträge/Informationen

>> Nachhaltigkeit im Voluntourismus - Fakten im Überblick

>> Teil 1| Das richtige Projekt/eine gute Organisation finden

>> Teil 2 | Inhalte der Projektarbeit prüfen

>> Teil 3 | Qualitätsmerkmale der Volunteer-Organisation prüfen

Interviews

Unser Tipp: Interview zum Thema "Nachhaltigkeit im Voluntourismus"

Larissa Oppermann (24) hat sich in ihrer Bachelorarbeit mit dem Thema Voluntourismus beschäftigt. Im Gespräch mit Christian vom freiwilligenarbeit.de/magazin verrät Larissa, warum ihr das Thema am Herzen liegt und erklärt, wie sich die verschiedenen Freiwilligenarbeit-Angebote voneinander unterscheiden. >> zum Interview

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