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Freiwilligendienst in Ghana

Erfahrungsbericht von Tina, 53 Jahre, Bremen

Der Moment, als es meinen Job nicht mehr gab – 

obwohl ich lange vorher gewusst hatte, dass ich diesmal von der Transformation betroffen sein würde, traf mich das Gefühl, das sich jetzt einstellte, vollkommen unerwartet. Ich war plötzlich nicht mehr auf dieser Autobahn klar definierter Konzernziele, sondern in einem Dickicht von Möglichkeiten und Sackgassen. Der Weg bestand nun aus Neudenken und Neulernen und die Zeit der Arbeitslosigkeit als Chance zu nutzen. Ich bin 53 Jahre alt und befinde mich unversehens in ähnlicher Situation wie meine Kinder, die sich nach dem Abitur die Frage stellen: „Was möchten wir als nächstes lernen, und wo?“

Und ich hab´ einfach mal gegoogelt: „Digitalisierung – Globalisierung – Freiwilligendienst – Afrika“.

Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, mit dieser Kombination fündig zu werden. Aber wie es der Zufall oder das Schicksal will, stieß ich auf eine passende NGO.

Und nach einigen sehr netten Telefonaten mit dem lokalen Team und einer etwas umständlichen Visabeantragung saß ich nun im Flugzeug nach Accra. Immer noch staunend darüber, dass das, was ich als kühnen Wunsch geäußert hatte nun Wirklichkeit werden sollte.

Ich wusste durch vorherige Aufenthalte im Senegal ungefähr, was mich in Ghana erwarten würde: Zu warme Nächte, zu viel Lautstärke und Plastikmüll überall. Aber auch wunderschöne farbenfrohe Kleider, warmer Sand unter den Füßen und viel Neues für mich zum Lernen: Sprache, Kultur und IT-Business.

Landung, Pass- und Gelbfieberkontrolle, Koffer vom Band suchen – und dann lachte Gifty, die lokale Managerin, mir auch schon entgegen.

Ein paar Tage zuvor war auch ein weiterer Volunteer aus Deutschland dort angekommen: Cliff, im selben Alter und mit ganz ähnlicher Motivation wie ich. Gutes Team!

Das lokale Team hat unseren Aufenthalt dort sehr gut vorbereitet. Ich muss nicht erwähnen, wie herzlich wir aufgenommen und wie gut wir in den ganzen Wochen betreut wurden! Und natürlich wurde uns Accra und Umgebung gezeigt, mit vielen Hintergrundinformationen und Geschichten, und selbstverständlich habe ich mich ins Marktleben mit den wunderbaren farbenfrohen Stoffen werfen können…

Cliff und ich waren die ersten Volunteers in diesem Projekt und wir hatten so die Gelegenheit, gemeinsam mit dem lokalen Team weiter an der Ausgestaltung des Programms arbeiten zu können. Ich konnte mich mit allen meinen Interessen und Vorkenntnissen einbringen. Wir haben gemeinsam Workshops entwickelt, die wir dann an zwei Partnerschulen, IT-Startups und Universitäten in Accra und Umgebung veranstaltet haben. Es war die ganze Zeit über inspirierendes Teamwork mit vielen Ideen, gutem Feedback untereinander und tollen Resultaten.

Ziel der Workshops ist es, ghanaische Schüler, Studenten und junge Angestellte auf die Herausforderungen im Arbeitsalltag in einer digital vernetzten, globalisierten Welt vorzubereiten. Themen, die in der Arbeitswelt weltweit immer wichtiger werden, wie „open communication“, „teamwork“, „critical thinking“ und „growth mindset“ haben wir in den Workshops angesprochen und mithilfe verschiedener Übungen trainiert – alles angepasst an die jeweiligen Gruppen. 

In den beiden Partneruniversitäten Ashesi University und Academic City sowie in den IT-Startups getinnotized und Fairpointers hatte ich zudem die Möglichkeit, über meine schon in Deutschland verfolgten Themen Agile Transformation und den Scrum Framework zu sprechen.

Ich habe erlebt, wie unterschiedlich der klassische Schulunterricht im Vergleich zu Deutschland verläuft. Übergroße Klassen, Frontalunterricht, Auswendiglernen und „the cane“, der Rohrstock, mit dem ganz selbstverständlich für Disziplin gesorgt wird und Fehler bestraft werden. Das ist für uns schwer zu verstehen, steht aber in Ghana allgemein nicht im Widerspruch zu einer liebevollen Erziehung.

Eigenständiges Denken und Mut oder Freude, etwas Neues auszuprobieren, wird dadurch allerdings nicht gefördert. Und auch das „Nachfragen“, wenn man etwas nicht verstanden hat, mussten wir mit den Schülern erst üben, üben, üben. 

Ebenso wird der Unterricht in Englisch abgehalten. Viele Kinder lernen Englisch allerdings erst in der Schule. Zuhause sprechen sie Twi oder Fante. Und es ist mir passiert, dass ein 16-jähriger Schüler, den ich aufforderte, etwas mit eigenen Worten zu umschreiben, darum bat, es in Twi sagen zu dürfen. Englisch ist eben nicht die Muttersprache. Und da es auch nicht meine Muttersprache ist, habe auch ich sehr oft nachfragen müssen, weil ich manchmal einfach rein gar nichts mehr verstanden habe. Die afrikanische Aussprache, die leisen Beiträge der Schüler, oft mit gesenktem Blick vorgetragen und die ungewohnte Lautstärke der Umgebung waren eine echte Herausforderung für mich. Und ich bin mir sicher, die Ghanaer haben auch mich nicht immer gut verstanden. Falsche Vokabeln, deutsche Aussprache… aber das lokale Team hat in solchen Momenten immer tolle Brücken gebaut.

Einen Großteil der Workshops haben wir mit Spielen und Übungen gestaltet. Beim Thema „Precise Communication“ bestand die Aufgabe darin, eine einfache Zeichnung mit Worten möglichst genau zu beschreiben, so dass eine zweite Person anhand dieser Beschreibung dasselbe zeichnen konnte, ohne die Originalzeichnung gesehen zu haben. „Zeichne einen großen Kreis und darunter ein Dreieck“ – ist doch ganz einfach! Komisch nur, dass die zweite Zeichnung der ersten kaum ähnelte. Verwunderung – Gelächter – nochmal. Diesmal besser! „Wie groß ist eigentlich ein großer Kreis??“ Lernen macht Spaß.

Wenn Menschen mit so unterschiedlichen kulturellen Hintergründen später im Berufsleben miteinander arbeiten und kommunizieren sollen, sind Missverständnisse auf allen Seiten vorprogrammiert, vieles ist dann schwer zu verstehen und noch schwerer ist es, mit den daraus entstehenden Schwierigkeiten umzugehen. Deshalb finde ich es großartig, dass dieses Projekt ins Leben gerufen wurde, um voneinander zu lernen und interkulturelle Zusammenarbeit zu erleichtern. 

Die Workshops wurden in den Schulen zusätzlich zum normalen Unterricht angeboten und dennoch war das Interesse daran groß. Die Kinder baten uns sogar, auch in den Ferien weitere Workshops anzubieten, was wir auch sehr gerne taten – ein schöneres Feedback gibt es nicht. Und es kamen dann auch wirklich alle – das heißt alle, die in der Zeit nicht arbeiten mussten, um ihre Familien zu unterstützen. Und die Arbeit konnte Hausarbeit im Compound sein oder Wassertüten und Wassermelonen im Traffic Service verkaufen (damit sind die Händler gemeint, die überall auf den heißen Straßen zwischen den Autos und deren Abgasen ihre Waren verkaufen). Das gab und gibt mir noch immer zu denken.

Ich bin sehr froh darüber, dass ich die Möglichkeit hatte, einige Zeit in dieser fremden Kultur zu arbeiten und die Unterschiede in Schule, Universität und Business zu erleben. Ich habe viel über respektvolle Kommunikation gelernt, und es war schön zu beobachten, dass sich die Teilnehmer der Workshops und insbesondere die Kinder in der Schule von Woche zu Woche immer mutiger und selbstbewusster mit eigenen Ideen und Beiträgen zu Wort meldeten und wie die Diskussionen immer lebhafter wurden. 

Die Welt ist zwar damit noch nicht gerettet, aber für ein paar Menschen (inklusive mir) hat sich der Cultural Gap in jedem Fall etwas verkleinert.

Zurück in Deutschland werde ich jetzt meine Schuhe erstmal vom afrikanischen Staub befreien, um mich dann irgendwann wieder auf den Weg nach Ghana zu machen…

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