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Freiwilligenarbeit im Ausland wird in einigen Fällen von Interessensverbänden und Medien teilweise kritisch betrachtet. Tatsächlich gibt es Volunteering-Angebote von fragwürdiger Qualität und Berichte über Missstände. Daher haben wir bei drei der führenden deutschsprachigen Freiwilligenorganisationen nachgefragt, die für ihre Nachhaltigkeit, Qualität und Seriosität bekannt sind. Wir wollten wissen, ob und inwieweit Kritik berechtigt ist und was diese Organisationen tun, um sinnvolle Freiwilligenprojekte und somit eine Win-Win-Situation zu ermöglichen, von der sowohl die lokale Bevölkerung vor Ort als auch die Volunteers profitieren.

Natucate

NATUCATE ist der Spezialist für Freiwilligenarbeit im Bereich Natur-, Arten- und Tierschutz. Auch die Vermittlung von Weiterbildungsaufenthalten und Auslandspraktika in der Natur sowie die Gestaltung und Organisation von naturnahen Sabbaticals gehören zu den Schwerpunkten der Aachener Agentur.

Oberstes Anliegen ist es, nur solche Projekte und Programme anzubieten, die der Unternehmensphilosophie entsprechen und damit hohe Nachhaltigkeitsstandards erfüllen.

RGV

Rainbow Garden Village ist ein spezialisierter Veranstalter für flexible Freiwilligenarbeit in Afrika und Asien. Seit 1999 bietet RGV jungen als auch erfahrenen Menschen die Möglichkeit sich für eine nachhaltige Entwicklung im Ausland einzusetzen. Die Tätigkeitsbereiche ermöglichen Volunteer-Einsätze im sozialen und schulischen Bereich sowie in Naturschutz & Wildlife Projekten. RGV steht für Qualität und hohe Standards, wodurch in erster Linie sinnvolle Projekte ermöglicht werden, welche den Mensch, der Natur aber auch der Tierwelt in den Einsatzregionen zu Gute kommen sollen. 

World Unite!

World Unite! organisiert seit 2005 Praktika, Freiwilligeneinsätze und interkulturelle Lernmöglichkeiten in verschiedenen Ländern. Die Volunteer-Organisation ist an den meisten Standorten mit eigenen festen Mitarbeitern vertreten, zu denen Fachkräfte aus Bereichen wie Biologie, Soziale Arbeit, Ethnologie und Internationale Zusammenarbeit gehören, die sich auch inhaltlich in die Projektarbeit einbringen.


Round Table Freiwilligenarbeit



1) Kurzzeiteinsätze in Entwicklungsländern – kann das funktionieren? Und wem hilft ein Freiwilligeneinsatz eigentlich?

NATUCATE: Wir von NATUCATE kommunizieren ganz deutlich: Durch einen einzigen und insbesondere nur wenige Wochen umfassenden Projekteinsatz kann niemand die Welt retten. Von dieser Vorstellung sollte sich jeder Freiwilligenhelfer umgehend lösen. Klar sollte auch sein, dass man die fremde Kultur eines fernen Landes in so kurzer Zeit nicht so kennenlernen kann wie es etwa durch einen halb- oder ganzjährigen Aufenthalt ermöglicht wird. Da gerade bei sozialen Projekten kurzzeitige Freiwilligeneinsätze zu Problemen führen können – Bindungen werden sofort wieder zerstört oder gar nicht erst richtig aufgebaut – setzt NATUCATE den Fokus auf Projekte im Natur- und Artenschutz und sieht ganz bewusst von der Vermittlung sozialer Projekte ab. Jedes Projekt, das wir in unser Angebot aufnehmen, wird vorher einer intensiven Prüfung unterzogen. So stellen wir sicher, dass die Aufgaben vor Ort auch für kurze Freiwilligeneinsätze geeignet sind. Hinzu kommt, dass die von uns vermittelten Projekte keine staatliche Unterstützung erhalten und somit die Hilfe nationaler und internationaler Freiwilligenhelfer benötigen.
Zudem besitzen die Projekte, die wir unterstützen, mehrheitlich einen wissenschaftlichen Hintergrund und beinhalten langfristige Datenerhebungen, die sich teilweise über Jahre erstrecken können. Bei Projekten dieser Art sind daher auch kurze Einsätze sinnvoll, um einen Beitrag zur Entwicklung von Arten- und Naturschutzmaßnahmen zu leisten. Zusammengefasst bedeutet das: Bei nicht staatlich geförderten (wissenschaftlichen) Projekten, die auf Hilfe von Freiwilligen angewiesen sind, einer guten Vorbereitung, der richtigen Erwartungshaltung und auf einen kurzen Projektaufenthalt ausgelegten Aufgaben können in unseren Augen auch kurzzeitige Volontäreinsätze Hilfe bewirken.

WORLD UNITE: Im Idealfall nutzt ein Freiwilligeneinsatz allen Beteiligten: Erstens, den Begünstigten eines gemeinnützigen Projekts bzw. einer gemeinnützigen Organisation, zweitens, der örtlichen NGO und deren Mitarbeitern bezogen auf die Qualität ihrer Arbeit und ihrer professionellen, persönlichen Weiterentwicklung. Drittens nutzt der Freiwilligeneinsatz den teilnehmenden Volunteers. Die Freiwilligen erfahren Zuversicht und Genugtuung durch ihre Tätigkeit, lernen eine neue Kultur kennen und entwickeln sich persönlich und beruflich weiter. Sie verbessern ihre Fremdsprachenkenntnisse und lernen Gleichgesinnte kennen. Viertens kann Freiwilligenarbeit den Anbietern von Support-Dienstleistungen rund um den Einsatz helfen. So werden Arbeitsplätze geschaffen, um Volunteers vorzubereiten und sie vor Ort zu betreuen. Gastfamilien können ein Einkommen erzielen. Fünftens hilft Volunteering der Gesellschaft oder Community, wo der Freiwilligeneinsatz stattfindet, indem ein Austausch geschaffen wird. All diese Interessensgruppen gleichwertig einzubeziehen ist eine schwierige und große Aufgabe, der sich ein ethisch verantwortungsvoll handelnder Anbieter von Freiwilligenarbeit stellen muss. Die Dauer eines Freiwilligeneinsatzes ist dabei ein relevantes Kriterium.

RGV: Wir sehen Kurzzeiteinsätze eher kritisch, besonders im sozialen Bereich. Vorab möchten wir sagen, dass ein erfolgreicher Einsatz über eine Dauer von 1-2 Wochen (Kurzzeiteinsatz) in ausgewählten Projekten möglich ist – allerdings nur, wenn die Strukturen im Projekt dies zulassen. Das kann beispielsweise im Bereich Naturschutz bei der Ernte oder im Bereich Wildlife bei der Datenerhebung der Fall sein. Das Projekt muss gut strukturiert und organisiert sein und auf bestehende Arbeitsabläufe zurückgreifen können, sodass eine schnelle Einarbeitung sowie Eingewöhnung in den Arbeitsalltag garantiert werden kann. Wir sind aber auch der Meinung, dass Kurzzeiteinsätze im sozialen Bereich – egal wie gut das Projekt organisiert ist – nicht sinnvoll sind! Das hat diverse Gründe: Zum einen nimmt das Akklimatisieren in kultureller Hinsicht gerade in Entwicklungsländern einige Zeit in Anspruch. Das Kennenlernen der Einrichtung, deren Strukturen sowie der Kinder bzw. Menschen im Projekt benötigt Zeit, um Vertrauen und eine Bindung aufzubauen. Zudem sollte man bedenken, dass der Großteil der Teilnehmenden fachfremd in einem sozialen Projekt anfängt zu arbeiten, also ohne pädagogische oder didaktische Grundkenntnisse. Dass die Volunteers nur wenig auf Fachkenntnisse zurückgreifen können, ist aber an sich nicht weiter schlimm – solange sie Zeit haben, sich mit Hilfe einer Fachkraft in das Projekt einzuarbeiten. Wenn man einen kurzen Aufenthalt vor Ort plant, sollte man das Projekt mit viel Bedacht wählen und vielleicht auch kritisch hinterfragen. Bei Kurzeinsätzen besteht die Gefahr, dass der Mehrwert ausschließlich beim Teilnehmenden liegt oder dieser sogar eine Mehrarbeit für die Mitarbeiter und Fachkräfte vor Ort darstellt – nämlich, wenn sie sich neben ihrer eigentlichen Arbeit im Projekt auch noch um den Teilnehmenden kümmern müssen.


2) Welche Art von Freiwilligenprojekten sehen Sie kritisch bzw. vor welchen würden Sie warnen?

WORLD UNITE: Freiwilligenprojekte können einen positiven Beitrag leisten, aber auch nichts bewirken oder im schlimmsten Fall sogar Schaden anrichten. Insofern ergibt es wenig Sinn, lediglich bestimmte Bereiche kategorisch auszuschließen. Es kommt einzig und allein darauf an, welche Ziele das jeweilige Projekt verfolgt, wie das Erreichen dieser Ziele sichergestellt werden kann und wie ausländische Freiwillige dabei Teil des Projektes werden. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass ein positiver Beitrag durch ein Freiwilligenprojekt am besten durch ein eigenes, dauerhaftes und qualifiziertes Team vor Ort sichergestellt werden kann, das eng mit den verschiedenen lokalen Partnern zusammenarbeitet. Die Mitglieder des örtlichen Teams müssen Teil der jeweiligen beruflichen „Szene“ sein, in der die Freiwilligeneinsätze stattfinden. Das heißt, sie müssen über fundiertes fachliches Verständnis verfügen und in kontinuierlichem Austausch mit Fachkräften von verschiedenen Organisationen stehen, die im jeweiligen Themenbereich am selben Einsatzort tätig sind. Damit sind sie in der Lage, laufend professionelle Rückmeldungen über die Arbeit der verschiedenen ortsansässigen Organisationen einzuholen. Die Mitarbeiter müssen dabei die kulturellen Gegebenheiten des jeweiligen Landes sehr gut verstehen, da diese einen großen Einfluss darauf haben, wie bestimmte Arbeiten durchgeführt werden. Sie müssen interkulturelle Vermittler zwischen ausländischen Freiwilligen und allen lokal involvierten Interessensgruppen sein. Sie müssen durchleuchten, welche Auswirkung die ausländischen Freiwilligen über die eigentliche Projektarbeit hinaus auf die Gesellschaft haben. Dabei sollten sie prüfen, ob etwa durch Freiwillige die bezahlte Festanstellung von Menschen vor Ort verhindert oder die örtliche Umwelt sowie Kultur negativ beeinträchtigt werden und dem aktiv entgegenwirken. Eine empfehlenswerte Freiwilligenorganisation muss klare Richtlinien und Prozesse haben, wie sie diese Informationen sammelt, evaluiert und wie Entscheidungen in das Projektmanagement einbezogen werden. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir sprechen beim örtlichen Team nicht über entsandte Mitarbeiter aus dem Herkunftsland der Volunteers. Vielmehr werden die Teams unabhängig von Nationalität und Ethnizität zusammengestellt. Ich würde vor Organisationen von Freiwilligenarbeit warnen, die diesen Aufwand nicht betreiben. Es reicht nicht aus, hauptsächlich in einem Verkaufsbüro in Deutschland zu sitzen und gelegentlich einen Mitarbeiter zur Inspektion vor Ort zu schicken. Bei Freiwilligenprojekten darf man nicht alleine darauf vertrauen, was vielleicht inhaltlich weniger qualifizierte Logistikpartner vor Ort oder die Volunteers direkt rückmelden. Warnen würde ich auch vor Plattformen, auf denen sich Volunteers direkt mit Freiwilligenprojekten vor Ort vernetzen können. Das gilt besonders bei den Projekten, wo es weder eine inhaltliche Prüfung der Projekttätigkeiten noch eine Vorbereitung für Freiwillige oder qualifizierte Mitarbeiter vor Ort gibt. Natürlich gibt es Bereiche, die kritischer sind als andere. Zu diesen gehören sämtliche Einsätze mit schutzbedürftigen Kindern und Erwachsenen sowie mit Tieren, besonders mit Wildtieren. Man muss Interessenten an Freiwilligenarbeit darüber aufklären, dass es Fake-Waisenhäuser gibt, Wildtierprojekte, die Teil der Gatterjagdindustrie sind sowie viele weitere Projekte, für die schutzbedürftige Menschen oder Tiere zur Gewinnerzielung unter falschen Vorgaben missbraucht werden.

RGV: Das sollte man nicht pauschalisieren: Es gibt in jedem Bereich Projekte, die ganz tolle Arbeit leisten und andere, welche einen nur traurig den Kopf schütteln lassen. Mit Vorsicht und Bedacht sollte man zunächst an folgende Projekte herantreten: Waisenhausprojekte, Tieraufzuchtprojekte, aber auch Tierprojekte mit nicht artgerechter Tierhaltung (z.B. Reiten auf Elefanten, Turtle Projekte mit ausschließlich Wasserbecken etc.). Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass gerade in diesen Projekten oftmals nicht das Wohl des Tieres/Kindes etc. an erster Stelle steht, sondern der Profit. Man sollte zudem keine Projekte unterstützen, in welchen man der lokalen Bevölkerung Arbeitsplätze streitig macht. Wichtig ist, dass man sich vorab über die Sinnhaftigkeit der Projekte informiert.

NATUCATE: Natürlich müssen Freiwilligenprojekte bestimmte Grundsätze erfüllen: So müssen sie sich durch Sinnhaftigkeit auszeichnen, dürfen nicht rechtswidrig handeln und sehen sich in der Pflicht, die Sicherheit für alle Beteiligten zu gewährleisten. Leider entpuppen sich in der Tat viele scheinbar gutherzige Freiwilligenprojekte als schwarze Schafe. Es gibt zwei Arten von Projekten, gegen die NATUCATE ganz klar Stellung bezieht. Als erster deutscher Anbieter von der Organisation Campaign Against Canned Hunting (CACH) als ethische Vermittlungsagentur für Freiwilligenarbeit empfohlen, bieten wir seit unserer Gründung keine Projekte an, die die direkte Interaktion mit Wildtieren erlauben – Stichwort ‚Löwenaufzuchtprojekte‘. Die Wahrheit hinter diesen erschüttert, denn tatsächlich dienen sie lediglich dazu, ausreichend Nachschub für die Gatterjagd bereitzustellen. Nach wenigen Tagen der Obhut der Mutter entrissen worden, werden die Löwenjungen zum Spielzeug unwissender Freiwilliger und Touristen. Jene werden in dem Glauben gelassen, die Jungtiere seien verwaist, während die Löwenmutter sehr wahrscheinlich auf einem unzugänglichen Teil des Geländes verwahrlost und schließlich, sobald sie nicht mehr gebärfähig ist, eingeschläfert wird. Sind die Jungtiere irgendwann zu groß, um als Kuscheltier zu funktionieren, werden sie für Spaziergänge mit Touristen missbraucht – oftmals unter Sedierung, damit sie dem Menschen nicht gefährlich werden können. Zu guter Letzt werden die ausgewachsenen Tiere später oftmals in umzäunten Arealen ausgesetzt und für zahlungskräftige Freizeitjäger zum Abschuss freigegeben. Wer glaubt, Löwenaufzuchtfarmen entließen die ausgewachsenen Tiere zurück in die Wildnis oder trügen zur Arterhaltung bei, irrt – dahinter verbirgt sich nicht anderes, als die skrupellose Gier nach Profit. Auch nehmen wir Abstand von solchen Projekten, bei denen Freiwillige für die Betreuung von Kindern eingesetzt werden, insbesondere Waisenhausprojekte. Die Faktenlage hierbei ist sehr undurchsichtig; oftmals lässt sich nicht erkennen, ob es sich bei einer Einrichtung um ein seriöses Kinderheim oder eine korrupte Institution handelt, die Kinder zur finanziellen Bereicherung gewissenlos ausbeutet.


3) Wie stehen Sie zum sogenannten Waisenhaustourismus? Bietet Ihre Organisation Projekte in Waisenhäusern an?

NATUCATE: Nein, NATUCATE bietet seit seiner Gründung keine Projekte in Waisenhäusern an. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Insbesondere im südostasiatischen Raum, aber auch in Westafrika kommt es vermehrt dazu, dass Kindern ihren notleidenden Familien mit falschen Versprechungen auf eine bessere Zukunft abgekauft und in Waisenhäusern untergebracht werden. Diese machen sich das Mitleid nichtsahnender internationaler Freiwilliger gezielt zunutze und schlagen aus deren Hilfsbereitschaft Profit. Hinzu kommt, dass vor allem ein kurzzeitiger Aufenthalt oftmals mehr Schaden als Nutzen anrichtet: Die Kinder mussten bereits die Trennung ihrer Eltern verkraften – und die Betreuung durch ständig wechselnde freiwillige Helfer kann Trennungsängste und Bindungsprobleme noch einmal verstärken. Kritisch angemerkt werden muss außerdem, dass die meisten der freiwilligen Helfer keine ausgebildeten Pädagogen sind und so gut wie nie die Landessprache beherrschen – folgenschwer für die Zeit, in der die Kinder im Normalfall ihre Muttersprache erlernen sollten.

RGV: Man hat sich bereits 2016 international darauf verständigt, dass diese Form der Hilfe unterlassen werden sollte. RGV befolgt diese Richtlinien und ermöglicht daher auch keine Einsätze in Waisenhäusern. Wir bieten zudem keine Projekte an, in welchen Kinder über Nacht bleiben. Unserer Meinung nach ist eine nachhaltige Förderung der Kinder in diesen Projekten gefährdet, wenn ständig neue Volunteers eingesetzt werden, das heißt, die Bezugspersonen der Kinder ständig wechseln.

WORLD UNITE: Das Konzept des Kinderheimes ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht mehr zeitgemäß. Eine Integration von schutzbedürftigen Kindern in Pflegefamilien, eventuell unterstützt von sozialen Organisationen, ist auf jeden Fall vorzuziehen. Dennoch muss man feststellen, dass an manchen Orten der Welt nicht genügend Pflegefamilien zu jedem Zeitpunkt für die Anzahl von schutzbedürftigen Kindern zur Verfügung stehen und dass für diese Kinder eine institutionelle Unterbringung immer noch besser ist, als auf der Straße zu leben. Solche Einrichtungen sind nicht die ideale Lösung, aber in manchen Situationen die einzig praktikable. In Marokko etwa sehen Mütter von unehelichen Kindern aufgrund gesellschaftlichen Drucks in den meisten Fällen keine andere Möglichkeit für sich, als das Neugeborene bei städtischen Babyklappen abzugeben. Die Zahl der dort lebenden Babys und Kleinkinder wächst rasant, da die marokkanischen Adoptionsgesetze es verbieten, die Kinder an Nicht-Muslime zu vermitteln und viel zu wenig Pflegefamilien in Marokko zur Verfügung stehen. Kinder mit Behinderung haben nahezu Null Chance, jemals in eine Pflegefamilie vermittelt zu werden und bleiben darum jahrelang in den Einrichtungen, deren Personalzahl und Finanzierung nicht mit der ständig wachsenden Zahl von Kindern ansteigt und die darum dringend auf die Mitarbeit von Freiwilligen angewiesen sind. Neben ausländischen Freiwilligen sind dort übrigens auch viele marokkanische Freiwillige tätig. Für solche Einrichtungen und die dort lebenden Kinder wäre es fatal, wenn Freiwillige nicht mehr dabei sein würden. Wir denken, dass immer im Einzelfall entschieden werden muss, ob ein Einsatz in einer Einrichtung für schutzbedürftige Kinder sinnvoll ist oder nicht, was natürlich nur möglich ist, wenn man direkt vor Ort permanent mit qualifizierten Mitarbeitern tätig ist, die in der Lage sind sämtliche Hintergründe zu durchschauen, wie ich es zuvor beschrieben habe. Wir bieten nur einige wenige ausgewählte Einsätze in institutionellen Einrichtungen für schutzbedürftige Kinder an, die wir seit vielen Jahren kennen und mit denen wir eng verknüpft sind. Darüber hinaus kommt es auch dort natürlich darauf an, „wie“ die Freiwilligeneinsätze durchgeführt werden. Wir schärfen das Bewusstsein unserer Teilnehmer bezüglich kritischer Aspekte im Umgang mit schutzbedürftigen Kindern. „Waisenhaustourismus“ lehnen wir ab und bieten wir nicht an.

4) Inwiefern achtet ihre Organisation auf das Kindeswohl bzw. den Schutz der Kinder in den Freiwilligenprojekten?

RGV: Das Wohl der Kinder liegt uns sehr am Herzen; daher haben wir die RGV-Kinderschutzrichtlinien aufgesetzt. Durch eine vertraglich geregelte Kooperationsvereinbarung zwischen Aufnahmeprojekten in den Zielländern, RGV und teilnehmenden Volunteers werden unsere Kinderschutzrichtlinien gesichert. In jedem Zielland haben wir einen Kindesschutzbeauftragten, welcher Ansprechpartner bei Fragen rund um das Wohl des Kindes ist und im Notfall direkte Rücksprache mit ECPAT (Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung) nimmt. Um in einem Projekt mit Kindern arbeiten zu können, müssen die Teilnehmenden ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen sowie den RGV-Kinderschutzrichtlinien zustimmen und einwilligen, sich an diese zu halten. In unseren Vorbereitungsseminaren sensibilisieren wir zukünftige Teilnehmende zudem für das Thema Kindeswohl.

WORLD UNITE: Die in der Entwicklungspsychologie anerkannte Bindungstheorie von Bowlby beschreibt die  Traumatisierung von Kindern durch den Verlust von Bezugspersonen. Wir stellen sicher, dass es innerhalb der Organisationen, die sich für schutzbedürftige Kinder einsetzen feste und permanente örtliche Mitarbeiter gibt, die die Rolle der Bezugspersonen für die Kinder annehmen und bereiten unsere Freiwilligen dahingehend vor, sich darüber im Klaren zu sein, NICHT diese Rolle einzunehmen, also sich nicht als Elternersatz zu sehen, sondern als Assistenten für Erzieher/Lehrer, die ein professionelles Verhältnis von Nähe und Distanz zu den Kindern bewahren. Freiwillige müssen alle Kinder gleich behandeln und in alle mit den Kindern ausgeführten Aktivitäten gleichwertig einbeziehen. Ebenso haben sich unsere Teilnehmer an die Richtlinie zu halten, die Privats- und Intimsphäre der Kinder zu wahren, etwa was das Publizieren von Fotos auf Social Media betrifft.


5) Welche Motive und Bedürfnisse bewegen Freiwilligenhelfer? Geht es eher darum zu helfen oder möchten sie sich selbst weiterentwickeln?

RGV: Auch hier ist es wohl eine Mischung aus beidem. In unserer Wahrnehmung möchten die allermeisten Volunteers etwas vor Ort bewegen und zum Allgemeinwohl der Bevölkerung beitragen. Sehr oft geschieht das natürlich mit dem Wunsch, sich weiterzuentwickeln. Weiterentwicklung im Sinne von: erste Auslandserfahrung sammeln und Selbständigkeit unter Beweis stellen. Aber auch der Blick auf globale Zusammenhänge und die tatsächliche Problematik in Entwicklungsländern ist für viele wichtig. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass eine gesunde Mischung beider Motive zum Erfolg einer Freiwilligenarbeit im Ausland beiträgt.

NATUCATE: Bei denjenigen, die Kontakt mit uns aufnehmen, erleben wir ein Zusammenspiel aus beidem: Der Wunsch, dort zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird, gesellt sich zum Bedürfnis, unbekanntes Terrain zu entdecken, interkulturelle Erfahrungen zu machen und den eigenen Horizont zu erweitern. Das ist in unseren Augen auch völlig in Ordnung – so lange die Motivation, sich einer sinnvollen, Nutzen bringenden Arbeit zu widmen, überwiegt. Stellt sich heraus, dass es einem Interessenten oder einer Interessentin einzig darum geht, möglichst unkompliziert an ein schönes Reiseziel zu gelangen, machen wir ohne Umschweife deutlich, dass Freiwilligenarbeit dafür nicht das richtige ist.


6) Projektbeschreibungen sind oftmals romantisierend dargestellt. Wie stellen Sie sicher, dass bei angehenden Volunteers eine korrekte Erwartungshaltung an den bevorstehenden Einsatz geschaffen wird?

WORLD UNITE: Unsere Einsatzbeschreibungen sind im Vergleich zu anderen Organisationen extrem sachlich und rein beschreibender Art. Wir verzichten auf emotionales Marketing oder jegliche Aussagen, die übertriebene oder vorsätzlich falsche Erwartungen erwecken über den Sinn eines Einsatzes und den möglichen Nutzen durch Freiwillige. Unsere Teilnehmer nehmen an einer Vorbereitung teil, bei der „die richtige Einstellung“ ausführlich besprochen wird. Dabei orientieren wir uns an den Fragen zur Selbstreflexion der irischen Entwicklungsgesellschaft Comhlámh und deren Weiterentwicklung durch Dr. Kate Simpson von ethicalvolunteering.org. Ein Hauptstandpunkt besagt, dass Freiwillige den Einsatz als einen Austausch sehen sollen und nicht als ein einseitiges „Geben“. Die Menschen, mit denen es ausländische Freiwillige zu tun haben, sollen nicht in postkolonialistischer Sicht als zum Dank verpflichtete Empfänger unserer Nächstenliebe wahrgenommen werden, sondern als Menschen, von denen und mit denen wir etwas lernen können. Freiwillige sollten die Einstellung haben, dass sie genauso viel, wenn nicht mehr, zu lernen haben, als zu geben. Aufklärung über postkoloniale Denkmuster ist bei unserer Vorbereitung und Begleitung für alle Einsätze in den sogenannten Entwicklungsländern einen großen Teil dar. Darin zerschlagen wir sämtliche romantisierenden Vorstellungen über den Einsatz, die häufig eine Überlegenheit der „entwickelten“ Welt gegenüber der „weniger entwickelten“ Welt implizieren.

NATUCATE: Um angehenden Freiwilligenhelfern eine genaue Vorstellung davon zu vermitteln, was sie vor Ort erwartet, legen wir großen Wert auf eine umfassende Vorbereitung. Das heißt in erster Linie: Gespräche, Gespräche, Gespräche. Für diese nehmen wir uns stets ausreichend Zeit, um alle Projektdetails zu besprechen, offene Fragen zu klären und falsche Erwartungshaltungen aus dem Weg zu räumen. So etwa betonen wir in jedem Gespräch, dass der neuen Kultur offen und unvoreingenommen begegnet werden sollte, dass der Lebensstandard vor Ort ein anderer als der gewohnte ist, dass die Unterstützung des Projekts und nicht der eigene Erlebnisdurst im Vordergrund steht – und dass ein vergleichsweise kurzer Projekteinsatz nicht sofort große Veränderungen erzielen kann. Um alles schwarz auf weiß zu haben, lassen wir unseren Volontären auch schriftlich umfangreiches Informationsmaterial zukommen.

RGV: Die Informationen zu den Projekten erhalten wir direkt von den Einsatzstellen in den Zielländern: Sie beantworten uns in einem Formular alle wichtigen Fragen rund um das Projekt. Uns ist wichtig, dass wir mit den Projektbeschreibungen die Einsatzstelle, den Alltag und die Aufgaben der Volunteers genau aufzeigen. Aufgrund dieser Informationen entscheidet schließlich der Teilnehmer, ob dieses Projekt das richtige für ihn ist. Wir achten darauf, dass Reisen und Freizeit nicht mit der Projektbeschreibung vermengt werden. Sonst könnte der Eindruck entstehen, dass der Schwerpunkt eher auf Reisen und Urlaub liegt. Das ist in unseren Projekten nicht der Fall. Bei uns liegt der Schwerpunkt immer auf der Arbeit im Projekt.

>> Weiter zu Teil 2

Teil 2 - Fragen zum Thema Volunteering

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